7. April 2020

Müllverbrennung ist kein Klimaschutz

Was machen wir am besten, um die fossilen Energieträger zu ersetzen? Immer mehr Stimmen aus Politik und Abfallwirtschaft glauben, eine gute Lösung zu wissen: einfach mehr Müll verbrennen. Aber das ist eine fatale Fehleinschätzung. Denn erstens ist die „energetische Abfallverwertung“ mitnichten CO2-neutral. Und zweitens gehen auf diese Weise viele wertvolle Rohstoffe dem Wirtschaftskreislauf für immer verloren.

Berlin will bis 2030 aus der Steinkohleverbrennung aussteigen und der Noch-Kohle-und-Atom-Konzern Vattenfall ist dabei behilflich. Toll, oder? Naja, es kommt wie immer mal wieder auf die Details an. In einer Studie, die Vattenfall und der Berliner Senat im Herbst 2019 vorgestellt haben [1], wird deutlich, dass beide für die künftige Strom- und Wärmeversorgung der Hauptstadt über 2050 hinaus nicht nur fossiles Erdgas, sondern auch Abfall verbrennen wollen. Und zwar wesentlich mehr als die heutigen 520.000 Tonnen jährlich, nämlich je nach Szenario bis zu 900.000 Tonnen.

Wie kann die „thermische Verwertung“ (wie die Restmüllverbrennung in Ruhleben [2] und anderswo euphemistisch genannt wird) klimaneutral sein? Dazu bemühen Senat und Vattenfall einen simplen Taschenspielertrick. Sie rechnen die beim Verbrennen entstehenden CO2-Emissionen einfach dem Entsorgungssektor zu und behaupten, „dass der primäre Zweck des Verbrennungsprozesses nicht in der Erzeugung von Strom aus Wärme liegt, sondern in der Beseitigung der Abfälle. Demnach fallen die Emissionen auch ohne die Nutzung der Abwärme bei der Verbrennung des Abfalls an. Daher wird die Abwärme aus der Abfallverbrennung als CO2-frei […] behandelt.“ [3]

Taschenspielertricks

Für die Klimabilanz spielt es aber keine Rolle, ob in einem Kraftwerk eigens eingekaufte Rohstoffe (wie Kohle, Öl und Gas) oder „sowieso anfallende“ Abfälle verbrannt werden. Entscheidend ist, welche Beschaffenheit die Stoffe haben, die in den Verbrennungsofen gelangen. Rund 45 Prozent des CO2-Ausstoßes bei der „energetischen Verwertung“ stammen aus fossilen Quellen, vor allem aus Kunststoffabfällen. [4] Kein Wunder, denn von den 5,2 Millionen Tonnen Plastikmüll, die in Deutschland jährlich aus gewerblichen und haushaltsnahen Bereichen anfallen, wandern 3,15 Millionen Tonnen in die Müllverbrennungsanlagen (Stand 2017). [5]

Das Verbrennen von erdölbasierten Produkten ist nicht der einzige Aspekt, der der „energetischen Verwertung“ eine negative Klimabilanz beschert. Mindestens ebenso problematisch ist der Umstand, dass wiederverwendbare Dinge und wiederverwertbare Stoffe dem Wirtschaftskreislauf für immer entzogen werden. Wenn Papier, Glas und Kunststoffe verbrannt werden, fehlen sie in der Kreislaufwirtschaft und müssen neu produziert werden. Das kostet in jedem Fall mehr Energie, als bei der Verbrennung gewonnen werden kann, wie das Beispiel Papier zeigt.

Beispiel Papier

Der Heizwert von Papier liegt bei rund 15 Megajoule pro Kilogramm (MJ/kg), genauso viel erfordert aber auch die Produktion. Bei einem durchschnittlichen Wirkungsgrad von 35 Prozent bei Kraft-Wärme-Kopplung erzeugt die „energetische Verwertung“ nur etwa 5,3 MJ/kg Energie. Von den bei Produktion und Verbrennung insgesamt eingesetzten 30 MJ/kg gehen also 24,7 MJ/kg verloren. Um ein Kilogramm Recyclingpapier aus Altpapier herzustellen, ist aber ein Energieaufwand von nur 8 MJ/kg nötig. Dieses Prinzip lässt sich auf Glas und Kunststoffe übertragen. Im Fall von Papier kommt aber ein weiterer Aspekt hinzu: Durch die Produktion von neuem Frischfaserpapier steigt die Holznachfrage, was die Funktion von Wäldern als CO2-Senken vermindert.

Eine deutliche Verbesserung des Wirkungsgrads ist bei der Müllverbrennung aus mehreren Gründen nicht in Sicht. Erstens machen Stoffe ohne Heizwert wie Steine oder Altglas einen großen Teil des Restmülls aus. Zweitens sorgt die hohe Feuchtigkeit des Mülls (25 bis 30 Prozent) für einen niedrigen Heizwert. Drittens verbraucht die aus Gründen des Immissionsschutzes unumgängliche Rauchgasreinigung bis zu fünf Prozent der durch Verbrennung gewonnenen Energie.

Jetzt noch Müllverbrennungsanlagen bauen? WTF?!

Obwohl alles gegen die Ausweitung der Müllverbrennung beziehungsweise gegen den Ersatz in die Jahre gekommener Anlagen spricht, plant die Abfallwirtschaft bundesweit Neu- oder Ersatzbauten von insgesamt zwölf Müllverbrennungsanlagen oder Ersatzbrennstoffkraftwerken mit einer Gesamtkapazität von 2,6 Millionen Tonnen pro Jahr. [6] Darunter ist auch die geplante Erweiterung von Ruhleben. Trotz der Zero-Waste-Strategie [7], die die rot-rot-grüne Koalition dem Land Berlin verordnet hat, setzt der landeseigene Entsorgungsbetrieb BSR auf mehr Müllverbrennung – und verklagt die eigene Regierung, um künftig mehr Müll verbrennen zu dürfen. [8]

Spätestens in 30 Jahren – besser aber früher – muss Deutschland die gesamte Wirtschaft dekarbonisiert haben. In den beginnenden 2020er-Jahren neue Müllverbrennungsanlagen zu bauen, bedeutet eine große volkswirtschaftliche Verschwendung – man denke nur an die milliardenschweren Entschädigungen, die die Energiekonzerne im Zuge von Atom- und Kohleausstieg den Steuerzahler*innen abgetrotzt haben. Außerdem erfüllen Müllverbrennungsanlagen eben nicht jene Voraussetzungen, die den Energieversorgern von morgen gestellt werden: schnell auf Schwankungen bei der Energienachfrage reagieren zu können. Vielmehr besteht die Gefahr, dass sie als wenig flexible Grundlastproduzenten die Netze für die erneuerbaren Energien „verstopfen“. Nicht zu vergessen die (Mit-)Verbrennung von aus Abfall gewonnenen billigen Ersatzbrennstoffen (EBS) in Kraftwerken und Zementwerken, die Effizienzgewinne in diesen Bereichen wirtschaftlich unattraktiv machen.

Vermeiden, wiederverwenden, verwerten

Wir sagen: Jetzt ist die Zeit, die Abfallpyramide vom Kopf auf die Füße zu stellen. Der breite Sockel muss die Vermeidung von Abfällen sein, gefolgt von der Wiederverwendung und der stofflichen Verwertung (Recycling). Künftig sollen nur noch diejenigen Stoffe, die aus hygienischen Gründen dem Kreislauf entnommen werden müssen, wie zum Beispiel medizinische Abfälle, verbrannt werden. Diese politische Vorgabe muss sich in den Anlagenkapazitäten niederschlagen.

Aber wenn Müllverbrennung nicht die Lösung ist, was dann? Die Wärmeversorgung muss zu 100 Prozent auf erneuerbare Energien umgestellt werden. Das geht, wenn Solarthermie, Abwärme, Abwasser und Erdwärme konsequent genutzt und die Gebäude (sozialverträglich!) energetisch saniert werden. Mehr dazu im Positionspapier von BUND und anderen Verbänden zu Kohleausstieg und Wärmeversorgung in Berlin. [9]


Dieser Artikel ist zuerst im Zero Waste Blog im März 2020 erschienen.


[1] https://www.berlin.de/sen/uvk/klimaschutz/klimaschutz-in-der-umsetzung/waermewende-im-land-berlin/kohleausstieg-berlin/
[2] https://www.bsr.de/muellheizkraftwerk-ruhleben-22041.php
[3] Antwort zur Frage „Warum wird die Abfallwärme CO2-frei bilanziert, wenn bei der Abfallverbrennung CO2-Emissionen entstehen“ auf https://www.berlin.de/sen/uvk/klimaschutz/klimaschutz-in-der-umsetzung/waermewende-im-land-berlin/kohleausstieg-berlin/
[4] https://www.bund.net/fileadmin/user_upload_bund/publikationen/bund/position/ressourcen_abfallwirtschaft_position.pdf, dort auf Seite 19.
[5] https://www.bund.net/fileadmin/user_upload_bund/publikationen/chemie/chemie_plastikatlas_2019.pdf, dort Seite 36
[6] https://www.nabu.de/imperia/md/content/nabude/abfallpolitik/20190927-studie-nabu_kapazitaeten_der_thermischen_verwertung_final.pdf
[7] https://www.berlin.de/rbmskzl/aktuelles/pressemitteilungen/2019/pressemitteilung.861558.php
[8] https://www.morgenpost.de/berlin/article226143471/Berliner-Stadtreinigung-verklagt-den-Senat.html
[9] https://www.bund-berlin.de/fileadmin/berlin/publikationen/Klimaschutz-pdf/KAB_Positionspapier_Waermewende_10_2019.pdf

Autor*in:
Zero Waste Blog

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