16. März 2020

A long way to go: Suffizienzpolitik im Handlungsfeld Wohnen

Forschungsvorhaben zeigt Potenziale und Instrumente auf, wie dem steigenden Energie- und Ressourcenverbrauch entgegengewirkt werden kann

Das Problem: Der Energie- und Ressourcenverbrauch steigt, weil die Wohnfläche wächst

Energie- und Ressourcenverbrauch sind eng verknüpft. Hier wie dort wurden und werden mittels Effizienzsteigerungen meist nur relative Verbesserungen erreicht, während die absoluten Verbräuche in vielen Bereichen seit Jahren kontinuierlich ansteigen. Der Bereich Wohnen mit dem Indikator Pro-Kopf-Wohnfläche ist ein Fall, wo zuletzt noch nicht einmal relative Verbesserungen erreicht wurden. Die Wohnfläche nimmt derzeit sowohl pro Kopf als auch in absoluten Zahlen zu. Die Auswirkungen sind für den Ressourcen- und Flächenverbrauch weitreichend, insbesondere durch den Neubau von Wohnungen oder durch den notwendigen Sanierungsbedarf im Wohnungsbestand. Auch steigt allen Bemühungen für mehr Energieeffizienz zum Trotz der mit der Wohnfläche verbundene Energiebedarf weiter an.

Forschungsvorhaben betritt thematisches Neuland

Ein Forschungskonsortium hat sich von 2017 bis 2019 im Auftrag des Umweltbundesamtes (UBA) daher intensiv mit der Frage auseinandergesetzt, welche Maßnahmen zur Reduktion der Pro-Kopf-Wohnfläche vorstellbar sind, welche Energieeinsparpotenziale damit verbunden sind, und wie diese mit Politikinstrumenten (z.B. ökomische, regulatorische oder informatorische Instrumente) adressiert werden können. Die Wissenschaftler*innen haben Fachgespräche mit Planer*innen und Wohnungsgenossenschaften durchgeführt und ihre Ergebnisse in Stakeholder-Workshops erörtert und validiert. Das Bedürfnisfeld Wohnen war dabei eines von mehreren Schwerpunktthemen im Gesamtvorhaben zu der Frage, wie der absolute Energieverbrauch durch Verhaltensänderungen gemindert werden kann. Ziel war es, die empirische Datenlage der bislang an vielen Stellen schlecht fundierten Suffizienz-Strategie zu verbessern. Das Vorhaben betrat mit dieser Konkretisierung von möglichen Maßnahmen und Politikinstrumenten der Suffizienz-Strategie immer wieder thematisches Neuland. Neuland, das ganz besonders im Bereich Wohnflächenreduktion für die einen oder anderen in Politik und Verwaltung gewöhnungsbedürftig war.

Weitreichender Forschungsgegenstand der Studie

Die Autor*innen sind zur Bearbeitung des weitreichenden Forschungsgegenstands der Teilstudie „Flächensparend Wohnen. Energieeinsparung durch Suffizienzpolitiken im Handlungsfeld Wohnfläche“ in Abstimmung mit den Fachkolleg*innen des UBA folgendermaßen vorgegangen:

  1. Zunächst wurden geeignete Zielgruppen (z.B. solche mit überdurchschnittlicher Wohnflächeninanspruchnahme oder mit anstehenden Veränderungen in der Lebenssituation wie „Ältere Kinder im Haushalt“) für Maßnahmen zur Wohnflächenreduktion identifiziert.
  2. Darauf aufbauend wurde das theoretische Minderungspotenzial des Energieverbrauchs der Zielgruppen bei Verkleinerung der mittleren Pro-Kopf-Wohnfläche ermittelt und diese Minderungspotenziale für verschiedene Regionentypen (verstädterte Räume, ländliche Regionen u.a.) untersucht.
  3. Schließlich haben die Autor*innen verschiedene Hemmnisse (psychologische, soziale, strukturelle, monetäre Hemmnisse), die einer effizienteren Wohnraumnutzung entgegenstehen, u.a. mittels Expert*innen-Interviews systematisch erfasst.
  4. Im nächsten Schritt wurden verschiedene Ansätze für Politikinstrumente diskutiert und ein Bündel aus drei neuen Politikinstrumenten(-sets) für die weitere Analyse definiert. Diese neuen Instrumente wurden ausformuliert und zusätzlich auf rechtliche Machbarkeit geprüft.
  5. Für die ausgewählten Politikinstrumente haben die Autor*innen die Wirkung auf die Pro-Kopf-Wohnfläche, auf den Energieverbrauch und auf die Treibhausgasemissionen modelliert.
  6. Abschließend wurde eine Analyse der ökonomischen Effekte (insbesondere der Verteilungswirkung) vorgenommen.
Die Grafik zeigt die Anzahl der Haushalte der drei Zielgruppen: Senioren mit großer Wohnfläche, Bald in Rente und Ältere Kinder im Haushalt. Die Zielgruppen sind acht Regionen zugeordnet.
Anzahl der Haushalte der Zielgruppen nach Region
Quelle: Bezeichnung Öko-Institut – Mikrosimulationsanalyse auf Grundlage der Einkommens- und Verbrauchsstichprobe (EVS) 2013 in Umweltbundesamt (Hrsg.), 2019: Flächensparend Wohnen.

Neue Politikinstrumente notwendig

Das Vorhaben hat mit der Hemmnisanalyse aufgezeigt, warum bislang keine hinreichenden Anreize bestehen, die Wohnfläche pro Kopf zu verringern. Die drei nachfolgend dargestellten Politikinstrumente wurden vorgeschlagen, um das Problem zu adressieren.

Instrument 1: Finanzielles Instrument zur Stimulierung der baulichen Teilung von Einfamilienhäusern (Förderinstrument)

Die Zielgruppe 1 („Seniorenschaft“) sowie Angehörige der Zielgruppe 2 („Bald in Rente“), jeweils mit der Wohnform „im eigenen Haus“, stellen innerhalb der beschriebenen Zielgruppen die jeweils größten Untergruppen dar. Die Größe der Zielgruppe nimmt aufgrund des demographischen Wandels bis 2030 noch deutlich zu. Wesentliches Hemmnis für eine Verringerung der Wohnfläche ist der Wunsch der Menschen, so lange wie möglich im vertrauten Quartier und/oder im vertrauten Haus zu bleiben. Diesem Wunsch kommt das Instrument zur Stimulierung der baulichen Teilung entgegen. Zudem wird der Wunsch der Menschen, nicht alleine leben zu müssen, angesprochen. Durch eine Förderung, insbesondere auch bei der Planung in der Anfangsphase, würde ein Teil der finanziellen Lasten und Risiken eines Umbaus aufgefangen und das Hemmnis der fehlenden finanziellen Mittel adressiert. Die bedeutendsten Hemmnisse für einen Umzug in eine kleinere Wohnung, nämlich der fehlende Alternativwohnraum und die zu hohen Kosten für kleinere Alternativwohnungen, treten bei diesem Instrument nicht auf, da der eigene Wohnraum durch Umbau verkleinert wird.

Instrument 2: Kommunale Aktionsstelle zur effizienten Wohnraumnutzung

In der Studie wurden bereits bestehende Ansätze für eine effiziente Wohnraumnutzung beschrieben. Letztendlich ist neben strukturell wirkenden Politikinstrumenten ein Bündel an Maßnahmen notwendig, um den Zielgruppen einen Anreiz zur Verkleinerung der Wohnfläche zu geben bzw. sie dabei zu unterstützen, eine Verkleinerung umzusetzen. Mit Instrument 2 wird eine kommunale Aktionsstelle vorgeschlagen, die hier ansetzen soll und dabei Angebote wie Umzugsberatung und ‑unterstützung, Zahlung von Umzugsprämien, eine Wohnbörse, die Vermittlung von Untervermietungen oder ein Vermietungsmanagement beinhalten soll.

Instrument 3: „Fitness-Check“ für einen allgemeinen politischen / gesellschaftlichen Wandel

Im Rahmen des Projekts wurde deutlich, dass gesellschaftsweit oft das Bewusstsein für eine zunehmend ineffiziente Wohnraumnutzung fehlt. Bisherige Politiken, die das Thema „Wohnen im Alter“ adressieren, konzentrieren sich beispielsweise auf die Förderung eines barrierefreien Umbaus des eigenen Hauses, was jedoch zur ineffizienten Wohnraumnutzung beiträgt. Daher schlägt Instrument 3 einen „Fitness-Check“ vor, der bestehende Politikansätze und –instrumente systematisch darauf prüft, welche Leitbilder für das Wohnen im Alter derzeit verfolgt werden und wie sich diese zu dem Leitbild sparsamer Wohnflächennutzung verhalten. Dabei müssen nicht nur die Politik, sondern alle Mitglieder der Gesellschaft für die negativen Auswirkungen des zunehmend ineffizient genutzten Wohnraums sensibilisiert werden. Instrument 3 prüft bestehende Politikinstrumente (auch Beratungen), die auf Wohnen im Alter abzielen, auf ihre Kompatibilität mit dem Ziel der effizienten Wohnraumnutzung und passt diese entsprechend an. Außerdem sollen in dem Rahmen neue Leitbilder entwickelt und die Gesellschaft sensibilisiert werden.

Potenziale bei allen Politikinstrumenten vorhanden

Für die beschriebenen Instrumente 1 und 2 wurden unter zahlreichen Annahmen Wirkungen abgeschätzt und in der Form jährliche Einsparung, jährlich addierte Einsparungen im Jahr 2030 sowie kumulierte Einsparung bis zum Jahr 2030 (Energie und Treibhausgase) angegeben. Im Ergebnis bieten die vorgeschlagenen Instrumente unter den getroffenen Annahmen eine positive zusätzliche Einsparwirkung für Wohnfläche und Energieverbrauch (für Details siehe Teilbericht Flächensparend Wohnen). Darüber hinaus lässt sich festhalten, dass alle betrachteten Instrumente und damit verbundenen Maßnahmen unter den getroffenen Annahmen das Potenzial haben, die durchführenden Haushalte finanziell zu entlasten.

Fazit

Das Forschungsvorhaben hat aufgezeigt, dass einer steigenden Pro-Kopf-Wohnfläche nicht tatenlos zugesehen werden muss. Die Forscher*innen haben im Rahmen des UBA-Vorhabens einen ersten Vorschlag vorgelegt, wie der Wohnflächenzunahme mit verhältnismäßig niederschwelligen Politikinstrumenten wie beispielsweise Förderprogrammen entgegengewirkt werden kann. Damit gilt auch für das Bedürfnisfeld Wohnen: Eine Reduktion der Aktivitätenrate (hier: Wohnfläche) hat positive Auswirkungen auf den Ressourcenverbrauch.

Gleichzeitig wurde klar, dass die politische und gesellschaftliche Diskussion zu dem Thema erst am Anfang steht. Eine Sensibilisierung für das Thema ist weiter notwendig ebenso wie die konkrete Entwicklung von Politikinstrumenten und Aktivitäten zur Einführung solcher Instrumente. Dies gilt umso mehr, da eine Reduktion der Pro-Kopf-Wohnfläche zum Teil immer noch als Rückschritt oder Einschränkung empfunden wird.

Gleichzeitig ist das Zeitfenster zum Werben für mehr Suffizienz bei der Wohnraumnutzung günstig wie nie, setzt sich doch durch den Druck für mehr Klimaschutz zunehmend die Erkenntnis durch, dass die bisherigen Aktivitäten und Strategien zur Erreichung der Klimaschutz- und Energieeinsparziele auf allen Ebenen nicht ausreichen.


Zum Weiterlesen:
Zusammenfassender Abschlussbericht: „Möglichkeiten der Instrumentierung von Energieverbrauchsreduktion durch Verhaltensänderung
Teilbericht „Flächensparend Wohnen
Teilbericht „Stromverbrauch senken
Teilbericht „Arbeitszeitverkürzung –gut fürs Klima?
Teilbericht „Mit Suffizienz mehr Klimaschutz modellieren
Teilbericht „Das Zusammenspiel von Makro- und Mikro-Instrumenten zur  Energieverbrauchsreduktion durch verbrauchsarmes Verhalten


Zum Autor: Matthias Weyland, Diplom-Politikwissenschaftler, arbeitet seit 2013 im Fachgebiet Energieeffizienz beim Umweltbundesamt und ist dort zuständig für Politikinstrumente und übergreifende Fragen der Energieeinsparung und Energieeffizienzsteigerung. Zuvor hat er beim BUND Baden-Württemberg u.a. für den Ausbau der erneuerbaren Energien und gegen den Neubau klimaschädlicher Kohlekraftwerke gearbeitet. Die hier wiedergegebene Meinung muss nicht zwingend mit der Meinung des Umweltbundesamtes übereinstimmen.

Autor*in:
Matthias Weyland

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