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17. Juni 2024

„Einige wichtige Schritte wurden gemacht“

Interview mit Luisa Denter zu Rohstoffknappheit, Recycling und Kreislaufwirtschaft

In unseren Handys steckt Gold, in Batterien das begehrte Lithium. Doch die knappen Rohstoffe werden kaum recycelt. Wie könnten die Recyclingquoten erhöht werden? 

Große Hebel liegen im Design der Produkte. Sie sollten so gestaltet werden, dass sie am Ende ihres Lebenszyklus gut demontiert werden können und möglichst nur recycelbare Materialien enthalten. Auch eine vereinfachte Rückführung von alten Produkten wie Elektrogeräten zu geeigneten Aufbereitungsbetrieben ist wichtig. In einigen Bereichen gibt es zudem effiziente Recyclingprozesse, die sich wirtschaftlich noch nicht rechnen – hier sind industriepolitische Maßnahmen gefragt. Zum Beispiel wären bei einigen Materialien und Produkten Rezyklateinsatzquoten nützlich, also ein verpflichtender Mindestanteil von Rezyklaten – so würde man Absatzmärkte auch für momentan noch teure Herstellungsverfahren sicherstellen. Wo die größten Hebel liegen, um mehr Materialien recyceln zu können, ist je nach Produktgruppe und Material aber sehr unterschiedlich. 

Ist Recycling die Lösung unseres Rohstoffproblems?

Recycling kann und muss Teil der Lösung sein, wird das Problem der Ressourcenknappheit allein aber leider nicht lösen. Selbst wenn ein Großteil der in Produkten und Infrastruktur verbauten Metalle zurückgewonnen werden würde, könnte dies den weltweit wachsenden Bedarf nicht decken. Zudem geht in jedem Recyclingkreislauf Energie und Material verloren. Recycling kann das Problem also nicht lösen und auch den enormen Druck, der auf einigen Gemeinden in Bergbauregionen liegt, nicht ausreichend mindern. 

Brauchen wir also ein „Zirkuläres Wirtschaften“? 

Genau das brauchen wir. Zirkuläres Wirtschaften zielt darauf ab, so wenig Ressourcen wie möglich zu verbrauchen und Materialkreisläufe deutlich zu verlangsamen. Materialien und Produkte werden also viel länger genutzt und zwar, wenn möglich, immer in ihrer weiterverarbeiteten Form. Das heißt: Wir sollten Produkte möglichst nicht auseinanderbauen und dem Recycling zuführen, sondern wiederverwenden. Dafür können wir sie reparieren oder upgraden – also beispielsweise leistungsfähigere Komponenten in einen Laptop einbauen, damit er wieder auf dem neuesten technischen Stand ist. Damit wären weniger Neuproduktionen notwendig, die viele Ressourcen verbrauchen, und Emissionen verursachen. Eine weitere Strategie ist, funktionierende Komponenten aus defekten Produkten auszubauen und für die Reparatur oder die Neuherstellung eines anderen Produktes zu verwenden. Das nennt man Remanufacturing. Mit den genannten Strategien können Ressourcen sehr viel effektiver geschont werden als über alleiniges Recycling. Sie führen außerdem dazu, dass die gesellschaftliche und wirtschaftliche Abhängigkeit von Primärrohstoffen sinkt.  


Ausgangspunkt der ganzheitlichen Kreislaufwirtschaft ist das Neudenken von Produktdesigns. Einmal im Umlauf, sollten Produkte dadurch möglichst lange genutzt werden können. Sind irgendwann alle Optionen der Wiederverwendung von Produkten oder einzelner Bestandteile ausgeschöpft, sollte hochwertig recycelt werden. Noch funktionierende Komponenten und recycelte Materialien finden anschließend bei der Produktion neuer Güter ihren Einsatz.


Beschreitet die Politik den richtigen Weg? 

Einige wichtige Schritte wurden kürzlich gemacht bzw. sind in Planung. Zum Beispiel bringt die EU derzeit eine Ökodesignverordnung auf den Weg, auf deren Basis nach und nach für nahezu alle Produkte Standards definiert werden, damit sie möglichst langlebig, gut reparier- und recycelbar sind. Ebenfalls auf EU-Ebene wird zudem ein sogenanntes Recht auf Reparatur verhandelt. Mit diesem Gesetz könnten beispielsweise reparaturfeindliche Praktiken der Hersteller verboten, Rechte der Verbraucher:innen gestärkt und für erschwingliche Ersatzteile gesorgt werden. Auf deutscher Ebene arbeitet die Bundesregierung aktuell an einer Nationalen Kreislaufwirtschaftsstrategie. Sofern sie ambitioniert ausgestaltet wird und effektive Maßnahmen enthält, ist sie eine Chance für den Ressourcenschutz und könnte den Wirtschaftsstandort Deutschland zirkulär ausrichten. 

Abgesehen von der Kreislaufwirtschaft: Was würden Sie der Politik, aber auch der Gesellschaft ans Herz legen?

Ich würde mir wünschen, dass zirkuläres Wirtschaften als zukunftsweisende Chance begriffen wird. Verbraucher:innen könnten damit Geld sparen, außerdem  hätten sie mehr Selbstbestimmung über ihre Produkte, wenn sie diese leicht und ohne horrende Ersatzteilkosten reparieren könnten, anstatt beim kleinsten Defekt neue Waren kaufen zu müssen. Die Unternehmen könnten die Industrietransformation mithilfe der Kreislaufwirtschaft positiv gestalten – indem sie zum einen auf neue Recyclingtechnologien setzen und zum anderen innovative Ansätze wie Remanufacturing verfolgen. Das spart nicht nur Ressourcen und Emissionen, sondern kann auch zur Standortsicherung beitragen und führt zu einem weiteren Vorteil: Die Transformation zur Kreislaufwirtschaft schafft Jobs.


Dieses Interview erschien zuerst in der Zeitschrift „Südzeit“

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