18. Januar 2022

Giftiger Goldrausch

Gold glänzt, doch seine Gewinnung ist zumeist ein schmutziges Geschäft. Der Abbau und die Aufbereitung haben enorm negative Umweltauswirkungen. Schon wegen des immensen Aufwands: Um ein Gramm des begehrten Edelmetalls zu fördern, muss im Schnitt etwa eine Tonne Erde und Gestein abgebaut werden. Dabei werden zum Teil erhebliche Mengen an Chemikalien, vor allem Quecksilber, eingesetzt. Doch der hohe Goldpreis von aktuell fast 50000 Euro für ein Kilogramm macht selbst einen mühevollen und gefährlichen Abbau rentabel. Zugleich sind die sozialen Folgen gerade des weitverbreiteten illegalen Kleingoldbergbaus massiv: von erheblichen gesundheitlichen Schäden über Korruption und organisierte Kriminalität bis hin zu schweren Menschenrechtsverletzungen wie Menschenhandel und Sklaverei. Treiber dieses Goldrauschs ist die weltweit ungebremste Nachfrage. Gold ist vorrangig als Schmuck und Geldanlage begehrt, aber auch als Metall vor allem in der Medizin und Elektronik im Einsatz, weil es leicht verformbar und korrosionsbeständig ist.
Der jährliche Goldbedarf liegt laut World Gold Council weltweit bei circa 4400 Tonnen. Davon werden rund 2500 bis 3000 Tonnen in mehr als 100 verschiedenen Ländern neu gefördert. Nur rund ein Viertel der jährlichen Nachfrage wird durch recyceltes Material abgedeckt. Hauptabnehmer von Gold sind die Juwelier- und Uhrenindustrie mit 49 Prozent sowie der Finanzsektor mit rund 44 Prozent.

Verseuchtes Land
Um die steigende Nachfrage nach dem Edelmetall zu befriedigen, dringen Goldsuchende immer häufiger in abgelegene Regionen mit hoher biologischer Vielfalt vor. Oftmals werden dann ohne Rücksicht auf die Umwelt Wälder gerodet, gewaltige Löcher gebaggert und zur Trennung des Goldes aus dem Gestein hochgiftige Chemikalien wie Arsen, Cyanid und Quecksilber eingesetzt. Diese Gifte gelangen in die Luft, Gewässer und Böden. Sie werden von Pflanzen und Tieren aufgenommen und erreichen so über die Nahrungsketten auch die Menschen. Der WWF Brasilien hat dazu eine Studie veröffentlicht, die darlegt, dass viele Speisefische im Amazonas bereits stark mit Quecksilber und anderen Schwermetallen kontaminiert sind. Bei rund einem Drittel der Fischproben lagen die Werte bis zu 34-mal über den Grenzwerten der Weltgesundheitsorganisation. Für die Menschen am Amazonas ist das gefährlich, denn ihre Hauptproteinquelle ist Fisch. Drastische Gesundheitsprobleme können die Folge sein, wie chronische Schäden an Organen und Nervensystem oder Hirnschäden besonders bei Kindern. Darüber hinaus führen Zufahrtsstraßen, Wasserkraftwerke oder Siedlungen zu mehr Entwaldung als der Abbau selbst.

Klein- ist nicht gleich Großbergbau
Im Wesentlichen gibt es zwei Arten von Goldbergbau, den Klein- und Großbergbau. Der Kleinbergbau braucht weniger Kapital, ist dafür aber sehr arbeitsintensiv. Hier schuften weltweit etwa 20 Millionen Menschen, darunter etwa vier bis fünf Millionen Frauen und Kinder, meist unter menschenunwürdigen Bedingungen. Der Kleinbergbau weltweit ist größtenteils illegal. Wie in Kolumbien, dort finden Schätzungen zufolge etwa 80 Prozent des Bergbaus auf diese Weise statt – oft befeuert von Korruption oder organisierter Kriminalität. Bergarbeiter*innen werden zum Teil zu dieser Arbeit gezwungen.
Der Goldabbau in großem Maßstab, durchgeführt von Unternehmen, unterliegt behördlichen Genehmigungen und Kontrollen. Aber leider nicht in allen Fällen. Aufmerksamkeit bekam die erfolgreiche Kampagne des WWF Frankreich gegen ein großes Goldbergbauvorhaben in Französisch Guyana. Der Betreiber hätte gesetzliche Umweltauflagen und die Grenzen von Schutzgebieten missachtet sowie Cyanide eingesetzt. Das Projekt wurde gestoppt. Bergbau bedroht auch Gebiete von Indigenen und anderen traditionellen Völkern. In Brasilien könnten zum Beispiel demnächst durch ein neues Gesetz Indigenen-Territorien in der Amazonasregion auch für Bergbaukonzessionen freigegeben werden.

Hauptgefahr entschärfen
Fakt ist: Der Goldabbau ist eine erhebliche Bedrohung für die Stabilität von Naturregionen, doch er lässt sich nicht von heute auf morgen abschaffen. Daher ist es wichtig, zunächst die größte Gefahr zu entschärfen: die Nutzung von Quecksilber und anderen schädlichen Chemikalien. Es gibt Alternativen wie Rütteltische zur Trennung des Goldes vom Gestein, bei denen auf den Einsatz von Quecksilber oder Cyanid verzichtet wird und die sauberer, effizienter und zugleich erschwinglich sind. Die Einführung dieser umweltschonenden Alternative ist aktuell eine Herausforderung, da die Bergleute kontinuierlich ausgebildet werden müssen.
Der WWF führt weltweit Projekte durch, um die Auswirkungen des Goldbergbaus zu verringern. So wurden in Surinam Abbautechniken ohne den Einsatz von Schadstoffen mit lokalen Bergarbeiter*innen umgesetzt. Der WWF erforscht außerdem, welche Bäume in kontaminierten Regionen wieder wachsen können, und kümmern uns um die Wiederbewaldung zerstörter Flächen in Peru. In Europa wiederum ist ein Schwerpunkt die Sensibilisierung der Konsument*innen beim Goldkauf. Darüber hinaus sind ein Lieferkettengesetz, die Einhaltung der Menschenrechte entlang der Goldwertschöpfungskette, mehr Recycling von Gold und die Zertifizierung von Goldabbau unerlässlich.

Dieser Beitrag erschien ursprünglich in WWF Magazin 04/21.

Autor*in:
Tobias Kind-Rieper, WWF Deutschland