19. September 2019

Gemeinsam für die Ressourcenwende

Zentrale Thesen zu den Rahmenbedingungen einer neuen ressourcenpolitischen Vernetzung

Multiple Problemlagen und Perspektiven einer Ressourcenpolitik

Ressourcenpolitik ist ein von vielfältigen Wechselwirkungen durchzogenes Handlungsfeld mit zahlreichen Schnittstellen zu anderen Handlungsfeldern. Kurz gesagt beschäftigt sich Ressourcenpolitik mit der Frage, wer die Natur auf welche Art und Weise kontrolliert und nutzt (Heinrich Böll Stiftung 2014) bzw. die politischen Eingriffe zur Regelung eben jener Frage (Jacob et al. 2013). In einem solchen Verständnis umfasst der Begriff der „Ressourcen“ alle natürlichen Ressourcen, die als Input der ökonomischen Wertschöpfung dienen (z.B. Energie, Wasser, Nahrungsmittel, Land und mineralischen Rohstoffe). Ansätze politischer Steuerung beziehen sich dabei auf die gesamte Wertschöpfungskette und lassen sich aus unterschiedlichen Perspektiven aufgrund unterschiedlicher Problemlagen formulieren:

  • Aus Umweltschutz-Perspektive aufgrund ökologischer Belastungen bei der Ressourcenentnahme – Zerstörung von Ökosystemen und Artenvielfalt vor Ort – und über die Belastung natürlicher Schadstoffsenken (Aufnahme- und Verarbeitungskapazitäten von Boden, Luft, Wasser sowie von Ökosystemen für Abfälle und Schadstoffemissionen) als Ergebnis wirtschaftlicher Wertschöpfung (von der Extraktion über die Verwertung und Nutzung bis zur Entsorgung).
  • Aus globaler Gerechtigkeitsperspektive aufgrund historischer und aktueller Ausbeutungsverhältnisse, der ungleichen Nutzung von und Möglichkeiten des Zugangs zu Ressourcen sowie der Belastung von Senken, aber auch der Verlagerung negativer Kosten (sozial und ökologisch) in globalen Wertschöpfungsketten.
  • Aus Menschenrechtsperspektive aufgrund des häufig hohen Konfliktpotenzials von Ressourcenabbau in bestimmten Regionen sowie mangelnder Umsetzung menschenrechtlicher Sorgfaltspflichten.
  • Aus Perspektive der Versorgungssicherheit aufgrund einer Verknappung von Ressourcen und damit einhergehender Nutzungskonflikte

Während die aktuellen Debatte zwar bereits einzelne dieser Problemperspektiven zusammenbringt (z.B. Umweltschutz und Menschenrechtsstandards bei der Ressourcenextraktion oder Umweltschutz und Steigerung der Versorgungssicherheit durch mehr Ressourceneffizienz und Recycling), so fehlt es bisher an einem integrierten Zugang, der alle Problemperspektiven aufgreift und systematisch miteinander in Bezug setzt: Die Verwertung welcher Ressourcen innerhalb welcher Wertschöpfungsprozesse sind aus ökologischer Perspektive die größten Treiber, da sie z.B. ökologische Senken über das nachhaltige Maß hinaus belasten? Welche Ressourcen sind aus der Perspektive globaler Gerechtigkeit zentral, da sie etwa grundlegend für die nachhaltige Entwicklung der Länder des globalen Südens benötigt werden? Welche Ressourcen sind insbesondere durch Menschenrechtsverletzungen und Konflikte geprägt, da sie etwa vorwiegend nur unter schwierigen Bedingungen und in Regionen fragiler Staatlichkeit abgebaut werden? Welche Ressourcen sind von Verknappung betroffen, sind aber zentral für die Befriedigung von Grundbedürfnissen sind (z.B. Boden für den Anbau von Nahrung, bestimmte Mineralien, Erze und Metalle für die Herstellung medizinischer Produkte oder Bereitstellung erneuerbarer Energien) und wie kann mit Nutzungskonflikten umgegangen werden? Und: Welche Wechselwirkungen müssen berücksichtig werden, z.B. wenn die isolierte Bearbeitung einer Problemlage durch Verlagerung zur Verschärfung einer anderen führt (z.B. Wechsel vom Verbrennungsmotor auf Elektroantrieb)?

Gemeinsam für die Ressourcenwende

Eine neue und verstärkte Debatte um Ressourcenpolitik scheint aufgrund der aufgezeigten multiplen Problemlagen, die auf Muster aktueller Ressourcennutzung und Verwertung zurückzuführen sind, mehr als dringlich. Insbesondere auch aktivere Beiträge der Umweltverbände und anderer ökologisch motivierter zivilgesellschaftlicher Akteure, die sich bisher eher zurückhaltend beteiligen, könnte hier einen wesentlichen Beitrag zur Weiterentwicklung bisheriger Debatten und Instrumente leisten. Aber auch ein breiterer Blick auf die derzeitige Akteurs- und Diskurslandschaft zeigt recht deutlich, dass ein gemeinsames Sprechen über Ressourcenpolitik vor einige zentrale Fragen und Herausforderungen gestellt ist, die sowohl die zivilgesellschaftliche als auch wissenschaftliche Landschaft durchziehen, u.a.:

Über welche Ressourcen sprechen wir und was sind dann die großen Problemfelder von Ressourcenpolitik? Wie können vielfältige Wechselwirkungen und Schnittstellen im Blick behalten werden, ohne dabei Überblick und Fokus zu verlieren? Welches Wissen braucht eine neue Ressourcenpolitik und wie können wir es gewinnen? Wie kann ein gemeinsamer Blick auf Ressourcenpolitik entwickelt und dennoch Arbeitsteilung gestärkt werden? Wie können wir uns die „großen Fragen“ stellen und gleichzeitig konkrete Prozesse konstruktiv begleiten?

Mit diesen Fragen im Hinterkopf wollen wir im Rahmen des Projekts „Ressourcenwende“ den Blick auf die Notwendigkeiten von Ressourcenpolitik schärfen, gemeinsam Schwerpunktthemen und Eckpfeiler sowie konkrete Instrumente und Maßnahmen erarbeiten. In den letzten Monaten seit Projektstart haben wir hierzu neben dem wichtigen Austausch im Projektteam selbst und mit weiteren Akteur*innen, zentrale Literatur gesichtet und ausgewertet sowie die Akteur*innen von Ressourcenpolitik selbst in den Blick genommen. Dies geschah in einem ersten Schritt auf Grundlage zentraler Dokumente und Webpräsenzen, in einem zweiten Schritt werden die Ergebnisse nun mit einer Reihe von Interviews reflektiert und ergänzt. Zentrale Fragen dabei waren:

  1. Handlungsfeld Ressourcenpolitik:
    Wie müssen wir Ressourcenpolitik verstehen und auch gegenüber anderen Handlungsfeldern abgrenzen?
    Welche zentralen Notwendigkeiten ergeben sich aus den multiplen Problemlagen und welche Ziele und Schwerpunktthemen lassen sich daraus für eine Ressourcenpolitik ableiten?
    Wie sind aktuelle Diskurse und politische Prozesse im Lichte der identifizierten Notwendigkeiten und Ziele einzuordnen? Wo sind Leerstellen, wo sind Ansatzpunkte?
  2. Wissenschaft und Zivilgesellschaft:
    Welches „Wissen“ braucht es für die Ressourcenwende?
    Welches „Wissen“ zu Ressourcenfragen wird im aktuellen Wissenschafts- und Forschungssystem produziert?
    Wie kann die gegenseitige Bezugnahme zwischen Wissenschaft und Zivilgesellschaft verbessert werden und damit auch der Zugang zu vorhandenem Wissen und die Produktion notwendiger neuer Erkenntnisse gefördert werden?

Wenngleich wir zum jetzigen Zeitpunkt nicht auf alle Fragen umfassende Antworten geben können, so haben sich doch aus der Literaturauswertung, aber auch der (erstmal „formalen“) Betrachtung der unterschiedlichen Akteur*innen zentrale Perspektiven ergeben, auf deren Grundlage wir den Rahmen dessen, was unter Ressourcenpolitik verstanden werden sollte, abstecken können. Auf diesem Blog wollen wir einige zentrale Aspekte in Form von Thesen zur Diskussion stellen, welche auch im weiteren Projektverlauf sowohl durch die Interviews, als auch durch Diskussionen in Workshops kritisch reflektiert und entwickelt werden sollen.

Thesen: Zentrale Eckpfeiler einer Ressourcenpolitik

Die absolute Senkung des Ressourcenverbrauchs muss zentrales Ziel von Ressourcenpolitik sein.

Zahlreiche Studien zeigen, dass eine relative Senkung des Verbrauchs natürlicher Ressourcen durch selbst eine massive Erhöhung der Ressourcenproduktivität bei sonst unveränderten Rahmenbedingungen (weiteres Wirtschaftswachstum) unter anderem aufgrund von Rebound-Effekten nicht ausreichen wird, um den ökologischen Problemen der Ressourcennutzung zu begegnen (vgl. Gilijum/Hinterberger 2014). Auch das Ziel einer Entkoppelung des Ressourcenverbrauchs von wirtschaftlichem Wachstum kann auf Grundlage großer Unsicherheiten ob deren Erreichbarkeit, nicht Grundlage und zentrales Ziel von Ressourcenpolitik sein (vgl. Parrique 2019; Petschow et al. 2018). Ziel einer Ressourcenpolitik muss es daher sein, eine absolute Senkung des Ressourcenverbrauchs zu erreichen. Ein zentraler Aspekt ist hierbei die Erfassung des Ressourcenverbrauchs. Werden lediglich Ressourceninputs der nationalen Wertschöpfung gemessen (wie etwa beim Indikator der „Domestic Material Consumption“ der Fall[1]) so wird nicht abgebildet, welche Wirkungen (sowohl Verbrauch von Ressourcen als auch Belastung von Senken) an anderer Stelle in der globalen Wertschöpfungskette auftreten. So kann etwa der nationale Materialinput in Deutschland sinken und dennoch durch Verlagerung von Produktionsprozessen zu einem Mehr an Ressourcenverbrauch in anderen Teilen der Welt führen. Hier setzen Indikatoren, wie der „ökologischen Rucksacks“ oder der „material footprint“ (vgl. Wiedmann et al. 2015) an, die auch verborgene Stoffströme in der globalen Wertschöpfung einbeziehen. Für die absolute Senkung des Ressourcenverbrauchs ist es zentral, die Indikatoren und die Datenlage, auf denen die Messungen beruhen, kritisch zu reflektieren und weiterzuentwickeln. Auch muss einbezogen werden, welche Verbräuche und Belastungen mit der Nutzung von Produkten einhergehen (z.B. Automobile, Waschmaschinen oder mobile Endgeräte.

Ressourcenpolitik muss Suffizienzpolitik sein.

Die aktuellen Debatten um Ressourcenpolitik bilden die genannten Aspekte nicht ausreichend ab (vgl. Gilijum/Hinterberger 2014). In angesichts der Komplexität von Materialströmen im Laufe der Verwertungsketten von Ressourcen und ihren Wirkungen auf Menschen und Ökosysteme scheint es daher aus Vorsorgeperspektive geboten, Instrumente zu entwickeln, die im Sinne der nötigen Senkung des Ressourceninputs etwa über Mengenbestimmungen (Caps) und Verbote direkt an der Ressourcenentnahme ansetzen und nicht ausschließlich auf nachgelagerte Effekte zielen (z.B. Bepreisung von CO2). Neben einer Steigerung der Ressourceneffizienz und Maßnahmen zur Konsistenz muss Ressourcenpolitik daher vor allem auch Suffizienzpolitik sein. Entwickelt werden müssen ordnungsrechtliche Instrumente, die auch jenseits eines individuellen Lebenswandels und der persönlichen Entscheidungen zu einem Weniger an Ressourcenverbrauch führen. Gleichzeitig stellt sich dennoch die Frage, wie ein kultureller Wandel befördert werden kann, um mehr Menschen für sozial und ökologisch gerechtere Lebensstile zu „gewinnen“, aber auch wie neue Lebensstile auch auf struktureller Ebene unabhängig von sozialer Herkunft und sozio-ökonomischem Status zu ermöglichen.

Neben konkreten Verbrauchsgrenzen und Verboten braucht es Debatten um Eigentum, Verteilung und Demokratisierung.

Um globalen Verflechtungen und den zentralen Fragen von Gerechtigkeit und Verantwortung Rechnung zu tragen, braucht es jenseits konkreter Reduktionsziele auch Debatten um Zugang, Eigentum und Verteilung sowie, im Lichte von Nutzungskonflikten bei knappen Ressourcen, eine Debatte um Demokratisierung von Entscheidungsstrukturen, die das „was und für wen?“ wirtschaftlicher Nutzung von Ressourcen bestimmen müssen – sowohl national als auch global (vgl. Pichler et al. 2017). Wenn global nur noch eine begrenzte Menge bestimmter Rohstoffe zur Verfügung steht, wie kann eine Verteilungsgerechtigkeit unter Berücksichtigung historischer und geographischer Aspekte, aber auch von den zentralen Bedürfnissen der Menschen heute und zukünftiger Generationen hergestellt werden? Welche Formen des Eigentums und der Bewirtschaftung von Ressourcen braucht es? Und wie können Entscheidungsprozesse so gestaltet werden, dass die Nutzung der zur Verfügung stehenden „Restmenge“ an Ressourcen in einem sozialen und ökologischen Sinne dem Gemeinwohl dient? Neben der Frage, welche Instrumente nötig sind, um vor dem Hintergrund globaler Verflechtung einer gerechten Verteilung Rechnung zu tragen, muss auch gefragt werden, wie Fragen von Eigentum, Verteilung und Demokratisierung im nationalen Rahmen adressiert werden können.

Eine Ressourcenwende ist mehr als eine politische Forderung, sie erfordert eine Neuorientierung sowohl in Wissenschaft als auch Zivilgesellschaft.

Der Umgang mit Ressourcen als Forschungsgegenstand darf nicht als rein technisch-ökonomische Frage der Optimierung verstanden werden. Ein solcher Zugang kann die Entpolitisierung eines Themenfeldes befeuern, welches von höchst politischen Fragen durchzogen ist. Vielmehr muss entsprechende Forschung immer auch im Kontext der vielfältigen Wechselwirkungen und Machtasymmetrien verstanden und interpretiert werden. Eine solche Herangehensweise findet in der aktuellen Forschungslandschaft bisher nur vereinzelt statt, weshalb es noch immer häufig an Wissen zu den Wechselwirkungen und den Möglichkeiten ihrer politischen Adressierung mangelt. Es braucht daher verstärkt Forschung, die einerseits über die Grenzen von Disziplinen hinweg (interdisziplinär) und an den zentralen gesellschaftlichen  Problemlagen ansetzend (transdisziplinär) neues Wissen schafft. Ein verstärkter und gezielter Austausch zwischen Zivilgesellschaft und Wissenschaft sollte hierbei dazu beitragen, die zentralen Problemfelder zu bestimmen und entsprechende Wissensbedarfe zu formulieren. Hier sind aber ebenfalls die zivilgesellschaftlichen Akteure gefragt, ihre Perspektiven auf Ressourcenpolitik in diesem Sinne zu reflektieren. Auch in der zivilgesellschaftlichen Landschaft lässt sich feststellen, dass in vielerlei Hinsicht nur sehr punktuell Bezug auf eher spezifische ressourcenpolitische Aspekte genommen wird, ohne die Wechselwirkungen und Verflechtungen ausreichend zu berücksichtigen.


[1] In die Berechnung des DMC fließen außerdem auch Importe von Rohstoffen sowie das Eigengewicht importierter Produkte.

Quellen und Literatur

Giljum, S., & Hinterberger, F. (2014). The Limits of Resource Use and Their Economic and Policy Implications. In M. Angrick, A. Burger, & H. Lehmann (Hrsg.), Factor X (Bd. 29, S. 3–17).
Heinrich Böll Stiftung (Hrsg.) (2014). Gerechtigkeit gestalten – Ressourcenpolitik für eine faire Zukunft: ein Memorandum der Heinrich-Böll-Stiftung. Berlin: Heinrich-Böll-Stiftung.
Jacob, K. / Werland, S. / Münch, L. (2013). Analyse der Debatten der Ressourceneffizienzpolitik in Deutschland: Erwartungen, Positionen und Konflikte der Ressourcenpolitik. Debattenanalyse 5.2 im Projekt Ressourcenpolitik: Analyse der ressourcenpolitischen Debatte und Entwicklung von Politikoptionen (PolRess).
Parrique, T. / Barth, J. / Briens, F. / Kerschner, C. / Kraus-Polk, A. / Kuokkanen, A. / Spangenberg, J.H. (2019). Decoupling debunked: Evidence and arguments against green growth as a sole strategy for sustainability. European Environmental Bureau.
Petschow, U. / aus dem Moore, N. / Pissarskoi, E. / Korfhage, T. / Lange, S. / Schoofs, A. / Hofmann, D. / mit Beiträgen von Hermann Ott (2018). Gesellschaftliches Wohlergehen innerhalb planetarer Grenzen: Der Ansatz einer vorsorgeorientierten Postwachstumsposition. UBA-Texte 89/2018
Pichler, M., Staritz, C., Küblböck, K., Plank, C., Raza, W. G., & Ruiz Peyré, F. (Hrsg.). (2017). Fairness and justice in natural resource politics. London New York: Routledge.
Wiedmann, T. O. / Schandl, H. / Lenzen, M. / Moran, D. / Suh, S. / West, J. / Kanemoto, K. (2015). The material footprint of nations. Proceedings of the National Academy of Sciences, 112(20), 6271–6276.

Autor*in:
Helen Sharp

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