1. März 2021

Bauwende: wie sie funktionieren könnte

Die Bauwirtschaft ist verantwortlich für gut ein Drittel des Energieverbrauchs und der CO2-Emissionen in Deutschland und für über die Hälfte des Abfallaufkommens – das sollte Grund genug sein, dieses Thema als einen der Schlüsselfaktoren zur Erreichung von Klima- und Nachhaltigkeitszielen zu identifizieren. Insbesondere beim Ressourcenverbrauch ist der Bausektor an der absoluten Spitze und bedient somit einen großen Hebel.  Die Zahlen unterscheiden sich je nach Quelle und Betrachtungsweise (1, 2), aber an diesen Grundtatsachen ist nicht zu rütteln. Bei den Themen Klimawandel und Ressourcenschonung sollten wir demnach nicht nur ständig über Autoindustrie und Luftfahrt diskutieren, sondern auch ein großes Augenmerk auf die Art, wie wir bauen, sowie die politischen und normativen Rahmenbedingungen dafür legen. Und mit Bezug auf Wohn-, Lebens- und Arbeitsraum sollten jede/r von uns auch selbstkritisch die eigene Anspruchshaltung hinterfragen.

Was verursacht diese immensen Auswirkungen?

Sehen wir uns genauer an, was wir zum Bauen alles brauchen: die Zementherstellung verursacht ungefähr viermal so viel CO2 wie der gesamte Flugverkehr. Stahl wird mit hohem Energieaufwand hergestellt, Aluminium genauso. Als leistungsfähige, gut zu verarbeitende Dämmstoffe werden vor allem Styropor-Produkte beworben, die auf Erdöl-Basis hergestellt sind und am Ende des Gebäudelebenszyklus aufwendig entsorgt werden müssen – man spricht von thermischer Verwertung, also im Klartext Verbrennung mit der entsprechenden CO2-Emission.

Es gibt auch noch einen anderen Grund, sich zu überlegen, wie es mit dem Bauen weitergehen soll: wesentliche Rohstoffe wie Sand und Kies werden knapp. Eigentlich sollte doch Sand genügend vorhanden sein, denkt man an lange Sandstrände und Wüsten, aber: Sand ist nicht gleich Sand. Für die Herstellung von gutem Beton müssen Anforderungen an die Rohmaterialien gestellt werden, die nicht jeder Sand erfüllt. Und genau dieser Bausand ist inzwischen weltweit zur Mangelware geworden. Auch in Deutschland ist manche Region inzwischen „Sandmangelgebiet“ und der begehrte Rohstoff wird von weither angeliefert– mit dem LKW, was zusätzliche Emissionen verursacht. Auch Kieslagerstätten sind oft unter fruchtbaren Ackerböden, so dass hier auch bei uns eine Konkurrenz zur landwirtschaftlichen Nutzung entsteht.

Holz als Allheilmittel?

Also fokussieren wir uns auf den Holzbau – aber ganz so einfach ist es nicht. Holz ist ein inzwischen sehr begehrter Rohstoff, der auch nicht unbegrenzt nachwächst. Die nachhaltige Bewirtschaftung von Wäldern hat uns Hans Carl von Carlowitz vor 300 Jahren nahegelegt und damit einen Begriff definiert, der uns heute wieder intensiv ins Bewusstsein gerückt ist. Wir sollten uns gut überlegen, wo der Einsatz von Holz sinnvoll ist. Die Verbrennung sollte nur für die Fraktionen in Betracht kommen, für die andere Verwendungsmöglichkeiten schon ausgeschöpft sind – Kaskadennutzung ist hier das Schlagwort. Bauholz ist sicherlich ein guter Startpunkt für eine solche Nutzung, ist dieses doch langlebig und bindet CO2, anstatt es freizusetzen.  Zudem ermöglicht Holzbau einen hohen Grad an Vorfertigung. Das hat Vorteile in der Verarbeitung auf der Baustelle: ein Holzhaus kann innerhalb kürzester Zeit aus den vorgefertigten Modulen aufgebaut werden. Das Holz wird im besten Fall regional gewonnen, Transportwege können optimiert und deutlich verkürzt werden.

Der Baustoff bietet einen hohen „Wohlfühlfaktor“ und ist seit Jahrhunderten erprobt. Inzwischen ist er tatsächlich in großem Stil wiederentdeckt und es werden sogar Großbauten damit realisiert. So wurde beispielsweise 2019 in Norwegen ein Hochhaus aus Holz fertiggestellt, das über 80 Meter hoch ist. Der Mjøsa Tower (https://www.archdaily.com/934374/mjostarnet-the-tower-of-lake-mjosa-voll-arkitekter) ist das weltweit höchste Gebäude aus Holz. Der innovative Holzbau ist aus Brettschicht- und Brettsperrholz konzipiert und erreicht seine Tragfähigkeit über kreuzverleimte Kerto-Furnierschichtholzplatten als Geschossdecken. Der notwendige Brandschutz ist über Überdimensionierung gewährleistet. Das verbrannte Holz schützt die Tragkonstruktion vor weiterer Beschädigung.

Außer Holz gibt es auch noch weitere attraktive „newcomer“ bei den Baustoffen, die aber eigentlich altbekannt und längst bewährt sind. Lehm ist beispielsweise einer davon. Und auch die Strohballen-Bauweise hat ihre Anhänger. Auch hier gilt: Regionalität ist das oberste Gebot für einen wirklich ökologischen Bau! Gelungene Beispiele aus der Gegenwart finden Sie hier: https://www.ubm-development.com/magazin/lust-auf-lehmbau-kehrt-zurueck/ und https://www.kloster-plankstetten.de/oekologie/bauen/.

Aber bei aller Begeisterung über das, was mit diesen Mitteln möglich ist, darf man nicht vergessen, dass selbst nachwachsende Rohstoffe nicht in unendlicher Menge zur Verfügung stehen.

Größter Hebel: Suffizienz

Um unser vorhandenes Baumaterial wirklich Sinn-stiftend einzusetzen, ist es also trotzdem notwendig, unsere Bauvorhaben auf Sinnhaftigkeit zu hinterfragen. Leitgedanke dabei ist die Suffizienz: Was brauchen wir wirklich? In sehr vielen Fällen muss es nicht ein Neubau sein. Eine gelungene Sanierung könnte beispielsweise auch noch kulturelles Erbe und ein interessantes Ortsbild erhalten. Die in der bestehenden Gebäudesubstanz gespeicherte Graue Energie bleibt erhalten, es wird deutlich weniger CO2 freigesetzt als beim Neubau – also ein Gewinn in doppelter Hinsicht. Sanierung vor Abriss ist deshalb die zentrale Forderung der Architects for Future.

Und wenn es schon ein Neubau sein muss, dann sollte dieser von Anfang an so nachhaltig wie möglich geplant werden. Kernpunkte dabei sind:

  • Für flexible Nutzung planen: variable Grundrisse und Raumhöhen, die Umnutzungen zulassen, Anlagentechnik (Heizung, Lüftung, Klimatisierung, Ver- und Entsorgung) entsprechend planen
  • Ansprechendes Design: erhöht die Akzeptanz im Umfeld und motiviert zum Erhalt von Bausubstanz durch Identifikation
  • Nachhaltige Baustoffe aus nachwachsenden Rohstoffen verwenden, die nicht durch unnötige chemische Behandlungen verunreinigt werden
  • Kreislauffähigkeit der Baustoffe sicherstellen durch geeignete Verarbeitung (z. B. keine Klebstoffe, sondern lösbare Verbindungen)
  • Rückbaukonzept von Anfang an mitdenken, Materialpass als Begleitdokument für das Gebäude führen

Wichtig ist also, nicht linear zu denken („was ich nicht mehr brauche, entsorge ich“), sondern in einem zirkulären Muster:  wie verwende ich die Dinge weiter, die ich nicht mehr gebrauchen kann oder will?  Diese Denkweise wurde hier in einem früheren Beitrag schon beschrieben: https://www.ressourcenwende.net/blog/wege-zu-einer-circular-society/

Nicht nur in der Bauwirtschaft ist das auch unter dem Schlagwort „Cradle to cradle“ bekannt. Damit verknüpft ist die Bioökonomie: Der Kreis wird perfekt geschlossen, wenn alles, was wir nicht mehr technisch verlustfrei direkt rezyklieren, also z. B. direkt wieder als Bauteil verwenden können, in den biologischen Kreislauf zurückgeführt – sprich kompostiert – werden kann. Damit entsteht praktisch kein Müll mehr.

Aber das ist doch alles viel zu teuer!

Nein! Diesem allseits gerne gebrauchten sogenannten Totschlagargument wollen wir uns entschieden entgegenstellen!

In unserem derzeitigen kapitalistischen Wirtschaftssystem werden die Kosten nach Ende des aktiven Produktlebens gerne vernachlässigt – oder anders ausgedrückt: die Kostenbetrachtung bezieht sich nur auf die Investitionen für die Errichtung eines Gebäudes. Später anfallende Kosten wie Gebäudebetrieb und Entsorgung werden nicht bedacht. Diese Folgekosten zahlen ausschließlich die, die das Gebäude betreiben (also Nutzer und Mieter) oder später in irgendeiner Form Rückbauen müssen. Dass diese Kosten so gering wie möglich sind, ist folglich nicht im Interesse der Investoren.

Nachhaltige Gebäude sind kostenmäßig anders zu betrachten: dadurch, dass die Module wiederverwertet werden können, stellen sie einen eigenen Wert dar. Das Gebäude ist also am Ende seines Gebäudelebens ein Materiallager und kein Entsorgungsfall. Wenn man dies von Anfang an mit einbezieht, berechnet sich die Wirtschaftlichkeit eines nachhaltigen Baus ganz anders.

Die EU leistet hier Hilfestellung durch eine (eigentlich nicht mehr ganz) neue EU-Richtlinie zur Taxonomie: Wirtschaftsaktivitäten müssen unter Nachhaltigkeitsaspekten bewertet werden (https://eur-lex.europa.eu/legal-content/DE/TXT/PDF/?uri=CELEX:32020R0852&from=EN).

In bereits absehbarer Zukunft wird hieraus, analog zur energetischen Bewertung, auch eine Nachhaltigkeitsbewertung für Immobilien entstehen – und dann haben alle diejenigen die Nase vorn, die jetzt schon ressourcenbewusst oder sogar Cradle to Cradle-inspiriert planen und bauen. Das sind doch gute Aussichten!

Und was ist eigentlich klima- und ressourcengerechtes Bauen?

Das Ziel von klimagerechtem Bauen ist die Schaffung von behaglichen Innenräumen, die möglichst wenige künstliche Energiequellen benötigen. Dieses Prinzip folgt einem holistischen, ganzheitlichen Grundgedanken. Es richtet sich nach lokalen Wetterverhältnissen wie Sonneneinstrahlung, Wind und Niederschlag. Dass klimagerechtes Bauen nicht aufwendig und teuer sein muss, zeigen Low-Tech Gebäude, bei denen der Einsatz von Technik extrem reduziert ist. Intelligente architektonische Lösungen wie beispielsweise klimatische Pufferzonen (Wintergarten), Nutzung von Sonnenenergie (solare Gewinne) und die Verwendung von Monokonstruktionen können ein Gebäude energieeffizient und ökologisch nachhaltig machen. Statt hochspezialisierter Verbundwerkstoffe, die später nicht recycelt werden können, meist nur schwer repariert werden können und zudem fehleranfällig sind, ist eine einfache Bauweise aus beispielsweise Vollholz oder massivem Mauerwerk aus Hochlochziegel ökologischer als ein WDVS-gedämmtes Passivhaus mit Lüftungsanlage (WDVS = Wärmedämm-Verbundsystem).

Zur Bewertung einer ökologischen Bauweise muss neben dem rechnerischen Heizwärmebedarf auch Graue Energie, Langlebigkeit und Recyclingfähigkeit betrachtet werden. Statt aufwendige Technik mit kurzen Erneuerungszyklen (Technik ist oft nach 10 Jahren bereits veraltet!), beschränkt sich Low-Tech auf die minimal notwendigen Komponenten der Gebäudetechnik. Einfache Wartung und Unterhalt stehen hierbei im Vordergrund. So kann es gelingen, technisch aufwendige und teure Technik durch intelligente Planung und die Berücksichtigung von bauphysikalischen Grundsätzen auszugleichen. „Less is more“ gilt somit nicht nur unter ästhetischen Gesichtspunkten, sondern kann auch auf energetische Aspekte bezogen werden.

Maßnahmen für das Bauen der Zukunft

Die Architects for Future haben ein umfassendes Maßnahmenpaket für ein klima-, ressourcen- und sozialverträgliches Bauen aufgestellt (3,4). Folgende sieben Punkte bilden die zentralen Forderungen:

  1. faire Bepreisung von Baumaterialien mit Einbeziehung der Umweltfolgekosten,
  2. echte Kreislaufwirtschaft mit rückbaufähigen und wiederverwendbaren Bauprodukten,
  3. Einbeziehung des gesamten Lebenszyklus eines Gebäudes inklusive Grauer Energie und Abriss- und Recyclingkosten,
  4. Begrenzung der Flächenversiegelung,
  5. Förderung von Sanierung statt Abriss und Neubau,
  6. verpflichtende Lehrpläne bezüglich nachhaltigen Bauens an Universitäten und Hochschulen,
  7. bedarfsorientierte, umnutzbare und flexible Planung, die sich geänderten Anforderungen anpassen kann.

Nur wenn wir es schaffen, den Ressourcenverbrauch deutlich zu reduzieren, haben wir auch eine Chance, die Energiewende weg von fossilen und hin zu erneuerbaren Energien zu schaffen und den CO2-Ausstoß nachhaltig und dauerhaft zu senken. Die Baubranche hat einen bedeutenden Hebel und muss sich ihrer Verantwortung für die Zukunft stellen.


[1]https://www.ressource-deutschland.de/themen/bauwesen/

[2]https://www.umweltbundesamt.de/themen/abfall-ressourcen/abfallwirtschaft/urban-mining/stoffstrommanagement-im-bauwesen#verwertung-von-baurestmassen

[3]https://epetitionen.bundestag.de/petitionen/_2020/_11/_23/Petition_118228.html

[4]www.muenchen2020.org

Autor*innen:

Dr. Hermine Hitzler & Benedikt Hartl (Architects for Future München)