25. Juni 2020

Reduktion des Ressourcenverbrauchs durch absolute Grenzen

Eine Zusammenfassung der Diskussionen zum Fachgespräch um Ansätze und Herausforderungen in der absoluten Senkung des Ressourcenverbrauchs durch Ressource Caps.

Sowohl auf Bundesebene als auch auf EU-Ebene werden gerade wichtige Chancen verspielt, um den Ressourcenverbrauch absolut zu senken. Die fehlenden Erfolge und falschen Strategien hängen maßgeblich damit zusammen, dass eine einheitliche und fundierte Zielsetzung in Form von absoluten Obergrenzen für den Verbrauch von Ressourcen fehlt. Diese Obergrenzen haben das Potenzial, Orientierung für entsprechend konsequente politische Handlungsansätze zu geben. Das virtuelle Fachgespräch des Bundesarbeitskreises Abfall und Rohstoffe des BUND setzte genau hier an. In einer Mischung aus Inputs und gemeinsamen Diskussionen wurde die Thematik beleuchtet. Ziel war es, den aktuellen Stand der Forschung abzubilden, die Positionierung der Zivilgesellschaft zu schärfen und weiteren Forschungsbedarf herauszuarbeiten.

Die Inputs erfolgten aus wissenschaftlicher Perspektive und gaben Einblicke in aktuelle Forschungsprojekte. Ein erstes Input-Referat von Dr. Martin Hirschnitz-Garbers vom Ecologic Institut widmete sich der Frage, warum es absoluter Obergrenzen bedarf und wo die Herausforderungen liegen. Dr. Monika Dittrich vom Institut für Energie- und Umweltforschung stellte erste Zwischenergebnisse des Projektes „Vorstudie zu Ansätzen und Konzepten zur Verknüpfung des Planetare-Grenzen-Konzepts mit der Inanspruchnahme von abiotischen Rohstoffen/Materialien“ vor. Erste Veröffentlichungen des Projektes sind für Ende des Jahres geplant. Der zweite Teil des Fachgesprächs wurde mit dem Vortrag zum Thema „Orientierungs- und Zielwerte für einen nachhaltigeren Einsatz natürlicher Ressourcen“ von Prof. Dr. Stefan Bringezu von der Uni Kassel eingeleitet. Prof. Dr. Dr. Felix Ekardt von der Forschungsstelle Nachhaltigkeit und Klimapolitik widmete sich in seinem Vortrag den „grundlegenden Governance-Fragen einer integrierten Umweltproblemlösung durch Caps bzw. Mengensteuerung“. Die Teilnehmenden des Fachgesprächs diskutierten, aufbauend auf den Vorträgen jeweils in Kleingruppen, wie eine Deckelung des Ressourcenverbrauchs erfolgen soll und wie diese Forderung kommuniziert werden kann.

Warum braucht es Obergrenzen?

Der Ressourcenverbrauch ist im Verlauf des 20. Jahrhunderts enorm angestiegen und hat sich allein von 1970 bis heute vervierfacht. Die Nutzung von Ressourcen und explizit der Abbau und die Weiterverarbeitung bringen vielfach Umweltschäden mit sich und heizen die Biodiversitäts- und Klimakrise weiter an. Die Ressourcenentnahme und –weiterverarbeitung ist für ca. 50 Prozent der weltweiten Treibhausgasemissionen und für über 90 Prozent des Biodiversitätsverlustes verantwortlich. Hinzu kommt, dass das Erreichen der globalen nachhaltigen Entwicklungsziele zu einem großen Teil direkt, aber auch indirekt von der Ressourcennutzung (negativ) beeinflusst wird.

In der Regel ist es jedoch schwer, eine explizite Kausalkette zwischen einer entnommenen Menge an Ressourcen und den jeweiligen Folgen (bspw. Umweltauswirkungen, Biodiversitätsverlust etc.) herzustellen. So entsteht eine Ungewissheit über die Folgen des Ressourcenverbrauchs. Da die Folgen nicht genau abschätzbar sind, muss deshalb aus dem Vorsorgeprinzip heraus der Ressourcenverbrauch gedeckelt werden.

Neben dem Vorsorgeprinzip in Bezug auf die Umweltauswirkungen hilft eine Deckelung des Ressourcenverbrauchs, die globale Gerechtigkeit zu fördern. Der Pro-Kopf-Ressourcenverbrauch ist global sehr unterschiedlich verteilt. Der Globale Norden verbraucht schon jetzt ein Vielfaches an Ressourcen, die nachhaltig zur Verfügung ständen. Ebenso werden die negativen Auswirkungen der Ressourcennutzung des Globalen Nordens auf Umwelt und Menschen des Globalen Südens verlagert.

Darüber hinaus muss anerkannt werden, dass viele der derzeit genutzten Ressourcen endlich sind. Die bisherige Ressourcenpolitik wird dem nötigen Handlungsbedarf in Bezug auf Umweltauswirkungen, globale Ungerechtigkeiten und Endlichkeit nicht gerecht. Nicht nur, dass absolute Obergrenzen bisher fehlen: der Fokus liegt vielmehr auf der Steigerung der Ressourceneffizienz und –produktivität, gemessen am BIP. Dies hat bisher zu keiner ausreichenden Entkopplung von Wirtschaftswachstum und Ressourcenverbrauch geführt. Stattdessen führten die Effizienzsteigerungen zu Rebound-Effekten und Verlagerungen. Andere Instrumente werden auf politischer Ebene bislang nicht diskutiert, was sicherlich auch damit zusammenhängt, dass die Ressourcenpolitik erst seit wenigen Jahren als eigenständiges Politikfeld auftaucht.

Für eine absolute Reduktion braucht es einen Dreiklang aus Effizienz, Konsistenz und Suffizienz. Für Suffizienzansätze braucht es absolute Verbrauchsgrenzen und somit ein Ziel, an dem sich der gesamte Instrumentenmix zur Ressourcenschonung ausrichten kann. Eine Definition solcher Deckel oder Grenzwerte kann außerdem dazu führen, den Handlungsdruck auf die Politik zu erhöhen. Absolute Obergrenzen verdeutlichen den noch zur Verfügung stehenden „Bremsweg“ und geben so eine indirekte Orientierung über den Umfang der nötigen Transformation.

Ein Hindernis ist sicherlich, dass eine derartige Ressourcenwende massive Einschnitte in unsere Art zu leben und zu wirtschaften bedeutet. Explizit muss dieser Schritt – die Deckelung des Ressourcenverbrauchs – gesellschaftlich vermittelt werden. Dies bedeutet, langfristige Strategien zu entwickeln, um einen Wertewandel herbeizuführen und ein nötiges Bewusstsein zu schaffen. Auch wenn eine solche langfristige Strategie Erfolg versprechend ist, bewegt sie sich nicht im nötigen Zeitfenster. Die Ressourcenkrise und damit die Klima- und Biodiversitätskrise machen schnelles Handeln erforderlich. Die Deckelung des Ressourcenverbrauchs bewegt sich also in einem Spannungsfeld von einerseits gesellschaftlichem Dialog und Demokratie und andererseits schnellen, umfänglichen und wirksamen Maßnahmen.

Was deckeln?

Nicht nur ist die Debatte um absolute Obergrenzen schwer zu implementieren und zu vermitteln. Auch die Berechnung bzw. konkrete Benennung einer Obergrenze ist nicht trivial und wird wissenschaftlich kontrovers diskutiert. Grundvoraussetzung ist die Erkenntnis, dass Obergrenzen nicht global starr sind, sondern an regionale Begebenheiten angepasst sein müssen und somit der historisch gewachsenen Ungerechtigkeit Rechnung tragen. Die Obergrenzen können für einzelne Stoffe, Stoffgruppen oder den Materialverbrauch pro Person gesetzt werden. Gruppenspezifische Obergrenzen oder eine Obergrenze im Materialverbrauch pro Person haben den Vorteil, dass keine Einzelstoffe substituiert werden und der Ressourcenverbrauch verlagert wird.

Es ist möglich, für einzelne Rohstoffe bestimmte Budgets festzulegen. Dabei stellt sich immer wieder die Frage, woran ein solches Budget gemessen werden kann. So spielen – wie oben bereits beschrieben – Endlichkeit und Bedarf sowie die globale Verteilung des Verbrauchs eine entscheidende Rolle, aber auch die jeweiligen (Umwelt-)Auswirkungen der Ressourcenentnahme und -nutzung. Eine Obergrenze für die Nutzung einer Ressource kann gesetzt werden, in dem das Konzept der planetaren Grenzen angewendet wird. Wie wirkt sich die Entnahme auf den Süßwasserhaushalt aus oder welchen Beitrag hat die Entnahme und Nutzung auf die Treibhausgasemissionen? Die Ansätze sind vielfältig und aus vielen Blickwinkeln Erfolg versprechend. Um jedoch spezifische und nachhaltige Obergrenzen festzulegen, braucht es dringend eine Weiterentwicklung in der jeweiligen Indikatorik und ein konsequentes Monitoring des Verbrauchs und dessen Auswirkungen. Was im Kontext der Forschung im Bereich der Indikatorik noch wichtiger ist: es braucht politischen Willen, die entwickelten Indikatoren als Grundlage für politisches Handeln zu nutzen. Dafür muss gesellschaftlicher Druck aufgebaut werden.

Einen Ansatz der Indikatorik bot Prof. Dr. Bringezu in seinem Input über den Fußabdruck, der sich aus Nutzung oder Verbrauch von Ressourcen ergibt. Wird produziert und konsumiert, entstehen daraus Umweltbelastungen. Der Impact wirkt auf vier Bereiche: biotische und abiotische Materialien, Land, Wasser und Luft. Ein Vorteil dieser Indikatorik ist, dass die vier Fußabdrücke in bestehende Umweltmanagementsysteme wie das europäische EMAS (Eco Management and Audit Scheme) integriert werden könnten.

Wie soll gedeckelt werden?

Die menschliche Gesellschaft braucht einen Grundbedarf an Ressourcen, um zu überleben und damit alle Menschen sich frei entfalten können. Das heißt, ein Ressourcenmanagement, das dieser Tatsache Rechnung trägt, muss die stoffliche Versorgung weiterhin gewährleisten. Diese Gewährleistung muss so gestaltet sein, dass der Input an Ressourcen unter einem kritischen Niveau bleibt. Die Herstellung von Stoffkreisläufen, die Wiederverwendung und Wiederverwertung von Ressourcen sowie das Umstellen der Energieversorgung auf eine erneuerbare Basis senkt den Input an Ressourcen, ohne dass die menschliche Gesellschaft in ihrem Bestehen gefährdet ist. Das Ressourcenmanagement muss zusätzlich so gestaltet sein, dass es auf verschiedenen Ebenen ansetzt und wirkt. Auf der Mikroebene adressiert das Management Ökosysteme wie Wälder oder einzelne Betriebe. Auf der Makroebene hingegen muss ein entsprechendes Management auf Verbände, Regierungen und internationale Bündnisse wirken. Die jeweiligen Ziele des Ressourcenmanagements müssen zum einen von den verschiedenen Akteur*innen angewendet werden können. Zum anderen müssen die Ziele richtungssicher sein, d.h. eindeutig in Bezug auf abgeleitete Maßnahmen sein.

Die Ergebnisse der Diskussionen aus den Kleingruppen lassen sich grob in drei Bereiche einteilen: Kreislaufwirtschaft weiter stärken, ökonomische Instrumente entwickeln und über die Effizienzsteigerung hinaus weitere Strategien entwickeln. Dabei überschneiden sich die diskutierten Bereiche und abgeleiteten Maßnahmen an einigen Stellen. Im Bereich Kreislaufwirtschaft müsse die Politik den Rahmen weiter ausbauen und damit den Weg zu einer kreislaufbasierten Wirtschaft stärken. Reparatur, Recycling und die Verwendung von Sekundärrohstoffen spielen hier eine essenzielle Rolle. Die Förderung kann – sollte aber nicht nur – über finanzielle Anreize erfolgen, bspw. über entsprechende Steuersenkungen im Bereich der Reparaturleistungen. Generell wurde viel über den Aufbau von förderlichen ökologischen Subventionen, aber auch entsprechenden Sanktionen gesprochen, die vor allem finanziell gestaltet werden sollen. Hiermit wird eine Verhaltensänderung erreicht, die eventuelle Verbote umgeht, die zwar einfach festzulegen, aber gesellschaftlich schwer umsetzbar sind. Darüber hinaus müssen auch Effizienz- und die rudimentären Suffizienzstrategien vorangetrieben werden und das hier liegende Potenzial weiter erschlossen werden.

Kommunikation der Deckelungsforderung

Auch wenn vielfach die Politik als Rahmen setzende und handelnde Instanz adressiert wird, ist es wichtig, alle Menschen und die gesamte Gesellschaft in den Prozess, den eine Decklung des Ressourcenverbrauchs anstößt, einzubeziehen. Weder ein autoritärer, grüner Staat noch ein grüner Kapitalismus ist der Weg, Nachhaltigkeit und soziale Gerechtigkeit in Einklang zu bringen. Die Gesellschaft und die Menschen müssen von sich aus handeln, aber auch zum eigenständigen Handeln gebracht werden. Ein entscheidender Faktor, um eine absolute Reduktion des Ressourcenverbrauchs zu erreichen, ist es, eine neue Erzählung, eine neue Vision für ein gutes Leben zu entwickeln und zu kommunizieren, welches im Einklang mit den Nachhaltigkeitszielen und den planetaren Grenzen steht. Diese positive Vision muss so kommuniziert werden, dass sie alle Teile der Gesellschaft erreicht, diese anspricht und von allen Teilen umgesetzt wird. Dafür bedarf es nicht nur einer simplen Form der Kommunikation abseits von Fachdiskursen, sondern auch praktischer Beispiele. Außerdem ist ein gegenseitiger Perspektivwechsel nötig. Nur über diesen Perspektivwechsel ist es möglich, uns von einer moralisch überlegenen Position zu befreien und Kontakt zu weiteren Menschen aufzubauen – also eine bestimmte Anzahl an Menschen für eine ökologischere und sozialere Welt und für die Ressourcenwende zu mobilisieren. Darüber hinaus lässt uns ein Perspektivwechsel positive Effekte für jeweilige Gruppen und Menschen erkennen, die spezifisch vermittelt werden können. Neben der Kommunikation einer positiven Vision müssen auch die Szenarien vermittelt werden, die auf uns zukommen, wenn wir am Status quo festhalten. Eine ansprechende Alternative ist der Schlüssel.

Fazit

Die Entwicklung von Obergrenzen für den Ressourcenverbrauch ist nicht nur notwendig, sondern auch machbar. Es existieren schon viele Ansätze, aus denen – auch wenn sie noch nicht alle vollständig ausgereift sind und weiter erforscht werden müssen – schon Handlungsmöglichkeiten abgeleitet werden können. Die große Schwierigkeit besteht in der entsprechenden Vermittlung und Umsetzung von Maßnahmen, die nicht nur symbolischer Natur sind, sondern wirken. Um einen grundsätzlichen Wandel im Verständnis von Wohlstand und Lebensqualität sowie in der Produktion kommen wir dabei nicht herum. Aller Suffizienzstrategien zum Trotz muss jede menschliche Gesellschaft Ressourcen nutzen, um zu überleben. Der Input an Ressourcen kann jedoch durch eine zirkuläre Wirtschaft stark reduziert werden. Der Rahmen zur Etablierung einer Kreislaufwirtschaft sowie Effizienz und Konsistenz sind damit weiter auszubauen.

Wenn wir von Obergrenzen im Ressourcenverbrauch sprechen, müssen wir diese nicht nur regional festlegen, sondern die globalen Auswirkungen betrachten. So haben Obergrenzen in den rohstoffverarbeitenden Ländern des Globalen Nordens ungewisse Auswirkungen auf die rohstoffabbauenden Länder des Globalen Südens. Hier stellt sich die Frage, ob überhaupt im Globalen Süden entsprechende Grenzen nötig sind, da hier der Pro-Kopf-Ressourcenverbrauch weit unter dem Niveau des Globalen Nordens liegt. Die große Herausforderung, die Ressourcengerechtigkeit global herzustellen, gelingt uns nicht bevormundend, sondern nur, indem wir die selbstgewählten Forderungen der Menschen des Globalen Südens aufnehmen und berücksichtigen.

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